720.000 verkaufte Smartwatches – Android Wear ein Flop? Mobile-Rückblick auf KW 7

Die Android-Wear-Smartwatch Moto 360.

Die Android-Wear-Smartwatch Moto 360. Quelle: Motorola

Im Vergleich zu den letzten beiden Wochenrückblicken war die vergangene Woche wieder deutlich ruhiger, was einen wesentlich detaillierteren Blick als sonst möglich macht: Einzig ein Bericht von Canalys zum Wearables-Betriebssystem Android Wear ist mir in den letzten Tagen aufgefallen.

Naja, stimmt nicht ganz, Citrix hat einen neuen Mobile Analytics Report veröffentlicht, dessen Business-Seite ich mir auf SearchNetworking.de bereits näher angeschaut habe. Der Consumer-Teil beschäftigt sich vor allem mit der Nutzung von Apps und Multimedia-Inhalten, Marktanteile oder Verkaufszahlen spielen dabei keine Rolle. Daher werde ich hier nicht ausführlicher darauf eingehen.

Android Wear: Wann ist ein Flop ein Flop?

Manchmal ist es schon spannend, mit wie wenig Inhalt sich ein mediales Strohfeuer entfachen lässt, wenn die wenigen Informationsbrocken nur zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht werden. So geschehen letzte Woche, als Canalys eigentlich recht dürftige Details eines kostenpflichtigen Reports zu Wearables per Pressemitteilung veröffentlichte.

Aber zu Wearables gab es eben schon länger keine Studie eines Marktforschers mehr, der Zeitpunkt war also offensichtlich goldrichtig gewählt. Und wenn dann auch noch das richtige Keyword auftaucht, nämlich „Apple Watch“, kann wohl niemand mehr widerstehen. Und so gab es wohl kaum eine Technik-Seite, die die Pressemitteilung nicht aufgenommen hätte.

Und zwar leider fast ausnahmslos in der von Canalys zwischen den Zeilen angelegten Botschaft, Android Wear müsse bereits jetzt als Flop betrachtet werden, wenn sogar das einstige Kickstarter-Projekt Pebble mehr Smartwatches verkaufen kann und zudem durch die  technisch überlegene Apple Watch bald neues Ungemach droht. An dieser Stelle sollte man aber durchaus einmal einen kritischen Blick wagen.

Mehr Android-Wear-Geräte als Pebble-Smartwatches verkauft

Laut Canalys wurden 2014 insgesamt 4,6 Millionen Smart Wearable Bands verkauft, womit im Grunde Smartwatches gemeint sind. Auf Googles Wearables-Betriebssystem Android Wear entfallen dabei lediglich 720.000 Geräte. Canalys geht nun aber etwas irreführend mit den Verkaufszahlen um, wenn diese 720.000 Geräte mit den eine Million Smartwatches verglichen werden, die Pebble seit dem Marktstart 2013 verkaufen konnte.

2013 lagen die Pebble-Verkaufszahlen bei lediglich 400.000 Stück, damit bleiben für das gesamte Jahr 2014 noch 600.000 Smartwatches. Beileibe keine schlechten Zahlen für ein weniger als zwei Jahre altes Unternehmen, aber dann doch weniger als die 720.000 Smartwatches, die mit Android Wear laufen. Zudem ist Android Wear erst spät im Jahr 2014 gestartet, würde man also alleine das vierte Quartal 2014 vergleichen, dann würden die Zahlen Android Wear noch weit mehr begünstigen.

Damit ist Pebble zwar höchstwahrscheinlich noch immer der größte Smartwatch-Hersteller, um das Ökosystem Android Wear steht es aber beileibe nicht so schlecht, wie das jetzt in den letzten Tagen so oft geschrieben wurde (man bemühe nur die Suchmaschine seiner Wahl mit den Suchbegriffen „Android Wear“ und „Flop“).

Die Apple Watch macht alles besser. Bestimmt!

Bis hierher könnte man noch von einer tendenziöser Berichterstattung der Medien aufgrund einer einigermaßen neutralen, wenn auch leicht irreführenden Studie sprechen. Dann aber lässt sich der Canalys-Analyst Daniel Matte mit den Worten zitieren, die Apple Watch würde eine „führende Energieeffizienz“ bieten. Gemeint ist natürlich die Akkuleistung, und natürlich gegenüber der Android-Wear-Plattform, die zukünftig wesentlich verbessert werden müsse, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Nun ist die Apple Watch natürlich noch gar nicht erschienen und es darf auch schwer bezweifelt werden, dass besagter Canalys-Analyst bereits ein Testgerät erhalten hätte. Außerdem: Sind vor kurzem nicht eher gegenteilige Gerüchte durch das Netz gewabert (auch hier bemühe man wieder die Suchmaschine seiner Wahl zur Akkuleistung der Apple Watch…)?

So eine subjektive Meinung zu einem noch gar nicht veröffentlichten Produkt grenzt schon sehr an Lobhudelei und hat ohne Bezug auf objektiv überprüfbare Fakten nichts in der Studie eines Marktforschers zu suchen. Aber mit einer objektiven Berichterstattung über die Apple Watch hat offenbar nicht nur der (deutsche) Journalismus schwer zu kämpfen, sondern eben auch so mancher Marktforscher.

Android Wear und Pebble – was läuft auf den restlichen Smartwatches?

Unabhängig vom verwendeten Betriebssystem stehe ich dem Konzept Smartwatch eher skeptisch gegenüber und verstehe mich auch nicht als Android-Fanboy. Mich stört die Rezeption dieser Canalys-Zahlen aber doch sehr, so dass ich eine andere und wie ich denke fundiertere Sichtweise darlegen wollte.

Natürlich sind 720.000 Android-Wear-Smartwatches im Vergleich zu den insgesamt verkauften 4,6 Millionen nicht besonders viel, aber stimmt diese Zahl überhaupt? Oder ist damit eine breitere Gerätegattung als nur Smartwatches gemeint? Canalys schreibt hierzu, bei Smart Wearable Bands handle es sich um am Körper zu tragende Geräte mit mehreren Einsatzzwecken (anders als beispielsweise Fitness-Tracker), die Apps von Drittanbietern ausführen können.

Wären damit tatsächlich nur Smartwatches gemeint, blieben nach Abzug von Android Wear und Pebble noch knapp 3,3 Millionen Geräte übrig. Was also läuft auf all den Smartwatches? Das normale Android? Das von Samsung favorisierte Tizen? Zwar hatte Samsung schon Ende 2013 enorm hohe Verkaufszahlen seiner Tizen-basierten Galaxy Gear bekanntgegeben, aber auch nur annähernd drei Millionen Tizen-Smartwatches sind dann doch schwer vorstellbar.

Android Wear zukünftig als Resterampe?

Alles in allem scheint es um das Android-Wear-Ökosystem also nicht ganz so schlecht zu stehen, wie das in der Berichterstattung zum großen Teil dargestellt wird. Allerdings ist auch nicht zu übersehen, dass in den letzten Monaten kein oder zumindest kaum ein großer Hersteller (abgesehen von der LG Watch Urbane) eine neue Smartwatch auf Basis von Android Wear vorgestellt oder auch nur angekündigt hat.

Sicherlich auch, weil im Smartwatch-Markt generell jetzt zunächst einmal alle auf die Apple Watch warten werden. Andererseits sind aber auch deutliche Absetzbewegungen großer Hersteller (beispielsweise Samsung mit Tizen oder LG mit WebOS) zu sehen, die sich neben Android für Smartphones und Tablets eben nicht auch noch auf Smartwatches in die Abhängigkeit von Google begeben wollen. Langfristig könnte Android Wear also durchaus in ein strategisches Problem laufen und das Premium-Segment verlieren.

Übrig blieben dann kleinere Hersteller mit günstigen Einsteigergeräten, die es sich, anders als große Hersteller, nicht leisten können oder wollen, ein eigenes Ökosystem aufzubauen. Android Wear als Resterampe unbekannter Hersteller mit Billig-Geräten? Wir werden sehen.